Elbe Jeetzel Zeitung – 10. Oktober 2005
Von Bianca Helmcke
Clenze. Breitbeinig die Last des Akkordeons auf
zierliche 159 Zentimeter verteilt und mit vor Lebenslust
funkelnden Augen, trat am Freitag Reinhild Kuhn im
Culturladen Clenze ihre »Suche nach einem neuen Gesicht» an.
Gut 20 Zuschauerinnen und Zuschauer genossen von der ersten
Minute an die unter dieses Motto gestellten, neuen deutschen
Chansons und die unglaubliche Bühnenpräsenz der Berliner
Künstlerin.
Sie brauchte keine aufwendige Bühnenshow, um
mitzureißen. Ihr reichten Mimik, Stimme, Text und
Instrument. Die gebürtige Rheinländerin reduzierte ihren
Auftritt auf das, was ihn ausmacht: die Künstlerin und das
Werk. Die zarte Person mit der großen Ausstrahlung trug
überwiegend von Andreas N. Tarkmann so trügerisch harmlos in
Töne gefasste Friedhelm Kändler-Texte vor. Worte mit
Sogwirkung, die der ehemalige Schreyahner Stipendiat ihr auf
den Leib geschrieben zu haben scheint. Kennen gelernt habe
sie Friedhelm Kändler aber erst später, verriet Reinhild
Kuhn. Lieder wie »Wenn einer käm», »Er ist
Synchronschwimmer», »Senil am Nil»oder der schwarzhumorige
Titel »Die Raben» vermittelten die große Bandbreite der
ausdrucksstarken Chansonnette, die ihre Stimme ebenso
beherrscht wie die Tasten des Klaviers und des Akkordeons.
Ihre eigenwilligen Vertonungen skurriler Texte standen
diesen, was die Wirkung betraf, kaum nach. Und wer kann
schon »Nein» zu einem »Frühlingslied für das ganze Jahr»
sagen. Schon gar nicht, wenn es in einem auberginefarbenen,
figurbetonenden Cocktailkleid und grobmaschigen
Netzstrümpfen vorgetragen wird.
Ob Reinhild Kuhn sanft über das Klavier streicht, bis es
vor Entzücken seufzt, ihr neues Akkordeon gefährlich grollen
lässt oder Stirnrunzeln mit abenteuerlichen Sinnverkehrungen
und dadaistischen Lautverdrehungen in abgeklärte
Zuschauergesichter zaubert, sie trifft ins Schwarze und ist
voller Witz und Kraft. In unaufdringlichen Inszenierungen
leitete sie von Stück zu Stück und nahm die Zuschauer mit
auf eine facettenreiche Reise zum eigenen Ich. Nach 90
Minuten endete das mit herzlichem Applaus bedachte Programm
von Reinhild Kuhn und entließ die Besucher bestärkt in dem
Gefühl, dass das eigene Gesicht, wie unspektakulär es auch
sein mag, besser ist als eine gute Kopie eines anderen.