Elbmarschpost – 10. Oktober 2005
Wenn die zarte Person das Akkordeon hoch wuchtet, murmelt sie "es geht schon, es geht schon", um die hilfreichen Männer fernzuhalten – die tatsächlich aber auf ihren Stühlen kleben. Beiläufig ist der Humor, mit dem Reinhild Kuhn ihr erstes Solo-Programm "Ich suche ein neues Gesicht" garniert. Am Sonnabend war die Berliner Sängerin und Songwriterin auf Einladung des örtlichen Kulturvereins im Gemeindehaus der St. Michaelskirche in Bienenbüttel zu erleben.
Ein wunderlicher Witz ist ihren Chansons eigen, die teils aus eigener Feder, teils von befreundeten Textern und Komponisten stammen. Dass die Liebe durch den Magen geht, wird da wörtlich genommen – was den Männern nicht bekommt, die sich Reinhild Kuhn in ihr Stübchen einlädt.
Wie gern würde sie andererseits alles vergessen und hinter sich lassen, wäre "Senil am Nil". Oder fände ihr neues Gesicht im Synchronschwimmer, der nicht von ihrer Seite weicht, sie zwar nicht vorm Ertrinken rettet, aber treu ihr Schicksal teilt und spiegelt. Die Liebe ist lange nicht mehr so schön besungen worden. Mit Könnerschaft begleitet sich die Künstlerin am Flügel – auch wenn das D Ärger macht – und am Akkordeon, das sie zärtlich krault.
Auch als Komödiantin erweist sie Talent: Zwitschert sie in einer Sprache, die Japanisch imitiert, und inszeniert en passant eine Romanze als Fingerspiel. Wenn sie zur Überleitung zwischen den Stücken plaudert, ist keine Linie, kein Ziel erkennbar – außer dem, dem Publikum die Uhrenfreizeit , die ein Chansonabend in den Augen von Regisseurin Judith Seither sein sollte, so angenehm und amüsant wie möglich zu gestalten.
Mögen die Raben noch lange darben: "Gebt meinen Körper den Raben, dass die Raben was zu nagen haben", sang Reinhild Kuhn ein schaurig-schönes Testament, wie man es bislang nur von Georg Kreisler kannte.
Betrüblich war an diesem Abend nur eines: Dass sich so viel mehr Menschen am Fernseher ein schlechtes Fußballspiel ansahen als ins Gemeindehaus fanden, um der kleinen Sängerin von großem Format eine würdige Kulisse zu bieten. Ihr Schade wäre es nicht gewesen.