Deutschlandfunk "Corso - Kultur nach 3" 29. 4. 2002
Heute Premiere des ersten Solo-Programms von Reinhild Kuhn im Scheselong in Berlin
Von Stephan GöritzKennen Sie das: Sie stehen morgens vor dem Spiegel und wünschen sich nichts sehnlicher als ein anderes Gesicht? -Der Sängerin und Pianistin Reinhild Kuhn dürften solche Gedanken jedenfalls nicht fremd sein, denn in ihrem ersten Solo-Programm macht sie sich auf die Suche nach einem neuen Spiegelbild. Quer durch das deutschsprachige Chanson der Gegenwart führt dabei die Reise. Schwer-mütig und heiter, mystisch und poppig sind die Lieder von Synchron-schwimmern, Uhrenfreizeit-Suchern und Rabenaugen-Mus, die Reinhild Kuhn ausgewählt und manchmal auch selbst geschrieben hat.
"Ich suche ein neues Gesicht" heißt dieser Abend zwischen Chanson und Theater, inszeniert von der jungen Regisseurin Judith Seither, Absolventin des Europäischen Theaterinstituts. Heute ist Premiere in Berlin im Scheselong. Ob "Corso"-Autor Stephan Göritz auch gern ein neues Gesicht hätte, entzieht sich unserer Kenntnis, aber daß er sehr interessiert eine Probe des Programms besucht hat, wissen wir.
Ein skurriles Lied nach einem Text von Dirk Wildt, eindeutiger Erklärung entzieht es sich.
O-Ton Reinhild Kuhn"Das ist entstanden Anfang der achtziger Jahre, das war so in der Zeit, als die Jugend sehr politisiert war und überall sehr viele Graffitis an den Häuserwänden standen - und das stand in Hamburg an ner Schule."
- verrät die Sängerin Reinhild Kuhn, die "Uhrenfreizeit" in ihren ersten Solo-Abend integriert hat - als Einladung, sich einmal freizunehmen von den Uhren und unverkrampft auf sich selbst zu schauen.
O-Ton Judith Seither"Ich denke, deswegen geht man in einen Chansonabend, oder? Weil man da in sone Zeitblase rutscht und vielleicht für ne Stunde, anderthalb, eben Uhrenfreizeit hat."
- meint die Regisseurin Judith Seither, die diese Achterbahnfahrt poetischer Einfälle inszeniert hat.
O-Ton Judith Seither"Ach, dieses herrlich Unlogische, was man manchmal hat. Man lacht, weil man nicht weinen will, und man weint, weil man nicht lachen will und - davon ist, glaub ich, viel drin."
"Ich suche ein neues Gesicht" heißt das Programm von Reinhild Kuhn. Mit diesem Titel will sie nicht plumpe Komplimente herauskitzeln - nach dem Motto: "Wozu brauchen Sie denn ein neues Gesicht?!" - sondern sie will ein Problem benennen, das wahrscheinlich manchen plagt.
O-Ton Reinhild Kuhn"Ich denke, daß nicht nur ich, sondern viele Leute immer auf der Suche sind nach neuen Gesichtern, neuen Möglichkeiten, was sie machen können - oder auf der Suche nach sich."
Reinhild Kuhn suchte sich selbst viele Jahre im Klavierspiel. Die Möglichkeiten des Klaviers empfindet sie als unvergleichlich.
O-Ton Reinhild Kuhn"Anders als mit anderen Instrumenten. Wenn man Geige spielt, dann spielt man nur Geige. Und ein Klavier ist ein ganzes Orchester."
Sie begleitete verschiedene Sänger und brachte 1999 zusammen mit Anton Masie das Programm "Bis aufs Blut" heraus, einen Abend zwischen Witz und Wahn-Witz, durch den beide über Nacht für viele zur großen Hoffnung des intelligenten Liedes avancierten. Doch wie das mit Partnerschaften zuweilen geschieht, ob privaten oder professionellen, das Duo trennte sich wieder. Und nicht genug:
O-Ton Reinhild Kuhn"Ich bin krank geworden, ich habe Sehnenscheidenentzündung gehabt, und ich konnte gar nichts mehr machen, und da hab ich mir überlegt: was wollte ich denn schon immer mal machen -"
Sie erinnerte sich ihrer immer im Geheimen gehegten Liebe zur Schauspielerei, belegte einen entsprechenden Kurs und lernte die junge Regisseurin Judith Seither kennen. So hatte die Trennung von ihrem Bühnenpartner Platz gemacht für eine neue Paarung. Aber Judith Seither wird nicht neben Reinhild Kuhn auf der Bühne stehen, sie sieht sich vielmehr als eine Art Hebamme des Chansonabends.
O-Ton Judith Seither"Das Baby muß sie selbst auf die Welt bringen, und ich stehe nur daneben und sage: Atmen - atmen - atmen - hecheln - hecheln - hecheln - drücken - drücken - drücken - und irgendwann ist es da. Das ist, glaub ich, meine Aufgabe, einfach von außen draufzuschauen, Rhythmus reinzubringen und Wechsel und - ja, und bei Reinhild: sich trauen, sie anpeitschen."
Trauen will sich Reinhild Kuhn vor allem ungewöhnliche Lieder wie "Die Raben" von Friedhelm Kändler. Bei diesem Schauergesang über das Werden und Vergehen hat Judith Seither sie zu einer ganz ruhigen Interpretation ermutigt:
O-Ton Judith Seither"Und das, finde ich, macht den Charme dieses Liedes dann aus. Also wenn jemand mit einer Engelsstimme dasitzt und singt: "Gebt mich den Raben, und sie hacken mir jetzt die Zungen aus und die Ohrläppchen, und - ich finds einfach herrlich."
"Ich suche ein neues Gesicht" - der Chansonabend mit Reinhild Kuhn hat heute in Berlin Premiere: im Scheselong in der Wilsnacker Straße. Weitere Vorstellungen dann von Freitag bis Sonntag, immer um 20.30 Uhr.