Grafschafter Nachrichten - 20. Februar 2003

Wechselbad der Stimmungen

Chansonsängerin Reinhild Kuhn gab ihr Grafschafter Debüt

Von Helmut Riestenpatt

Bad Bentheim. Aus der Grafschaft Bentheim - genauer aus Schüttorf - stammt "die neue eigenwillige Stimme der Berliner Chansonszene" Reinhild Kuhn, die am Sonntagabend auf Einladung des Bad Bentheimer Verkehrs- und Kulturvereins im Kaminzimmer des Kurhauses ihr Grafschafter Debüt gab.

Unter dem Motto "Ich suche ein neues Gesicht" entwickelte die Sängerin und Pianistin in16 zum Teil selbst komponierten Liedern einen kaleidoskopischen Gesichtskreis mit spöttisch frechen, makabren, aufmüpfigen und nachdenklich melancholischen Segmenten. Vermeintlich längst Vertrautes erhielt in den Chansons ein anderes Gesicht. Mal strahlte es, mal schaute es neugierig drein oder es verzerrte sich zur Grimasse. Immer von Neuem wechselte der Gesichtswinkel, die Lieder spiegelten Träume, Ängste, Trotz, Glück und Niedergeschlagenheit einer verletzlichen, unruhigen Seele. Satirische und schwarzhumorige Töne mischten sich mit aggressiv frivolen und schwermütig gedämpften Klängen. Eine große Bandbreite von Schwindelgefühlen, Sehnsüchten, Verzagen und Selbstbewusstsein öffnete sich in den kontrastreichen Variationen des Liedvortrags. Die Suche nach einem neuen Gesicht vollzog sich in einem Wechselbad der Stimmungen und der Vortragsweise. Gehaucht, beschwörend, getragen, explosiv, zart und brachial wurde der Zuhörer in die Gesichtssuche eingebunden, ob in balladesker Weise, im lyrisch-poetischen Einklang oder im Sprach-Singspiel dadaistischer Lautverdrehungen und abenteuerlicher Sinnverkehrungen.

Titel wie "Wenn einer käm und bliebe", "Titatu Tätatä" (wo es um die kannibalischen Gelüste einer leidenschaftlichen Frau geht), "Er ist Synchronschwimmer", "Senil am Nil", "Ich bin die Sonne", "Es geschehen Dinge, frag nicht warum" oder das pechschwarze Lied "Die Raben" vermittelten das vielfältige Repertoire einer begabten Chansonette, die Höhen und Tiefen des Gesangs ebenso beherrscht wie die Tastatur des Klaviers und des Akkordeons. In geschickt unaufdringlicher Inszenierung mit liebenswerten Kleinrequisiten begannen die großen und kleinen Gefühle zu klingen, erhielten Übermut und Enttäuschungen ihren klanglichen Raum, ob in der Miniatur des pantomimischen Fingerspiels oder in der Ballade von der Motte, die nach den Sternen greift.

Tücken der elektronischen Technik im ersten Teil des Liederabends beeinträchtigten stellenweise das Klangerlebnis, wenn die Stimme Mühe hatte, sich gegen die temperamentvollen Akkorde des Pianos durchzusetzen. Dieses vorübergehende Ungleichgewicht schmälerte jedoch nicht die Leistung der Berliner Künstlerin und den herzlichen Applaus der Zuhörer, von denen sich Reinhild Kuhn in einem schmissigen, nahezu virtuellen Liebeslied an "Mr.@" augenzwinkernd verabschiedete. Ein letztes Gesicht geschrumpft auf ein Computerzeichen - eine intelligente Pointe in einer scheinbar gesichtslos werdenden Welt.

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