Frankfurter Rundschau - 16.05.2004

Verführung für Raben

Reinhild Kuhn singt und sucht - nun auch in Frankfurt

Von Annette Becker

Reinhild Kuhn sucht ein neues Gesicht. Singt sie. Dabei braucht sie das gar nicht. Denn ihr eigenes sieht so zart und reizend aus, wenn sie mit ihrer ebenso zarten und reizenden Stimme garstige Sachen singt, dass wir ihr im Leben kein anderes wünschen möchten. Sie soll so bleiben, wie sie ist, jawohl. Soll immer wieder das Klavier gefährlich zum Grollen bringen oder ihr Akkordeon zärtlich kraulen, bis es vor Glück leise weint, soll immer wieder vernünftige Menschen mit pseudofernöstlichem Fingertheater in haltlos bibbernde Lach-Häuflein verwandeln, soll immer wieder nach Frankfurt kommen. Und vorher viel lauter Bescheid sagen, damit beim nächsten Mal mehr Leute da sind als jetzt im Internationalen Theater bei ihrem vor zwei Jahren in Berlin aus der Taufe gehobenen ersten Solo-Programm Ich suche ein neues Gesicht.

Leise sein ist vielleicht gut für die rabenschwarzen Balladen Friedhelm Kändlers, die Andreas N. Tarkmann so trügerisch sanft in Töne gefasst hat. Oder auch für Reinhild Kuhns wundersame Eigen-Vertonungen skurriler Texte. Aber die Welt ist halt laut, und da passiert es schnell, dass ein Stimmlein untergeht. Für den Fall, dass es so kommt, hat Reinhild Kuhn auch eine Lösung parat, geborgt, wo sonst, bei Kändler: "Gebt meinen Körper den Raben, dass die Raben was zu nagen haben." Stück für Stück sollen die dann ihren Kindern bringen: "Und dazu sollt ihr Choräle singen." Das, gesungen mit glockenreiner Stimme, verführerisch und süß, macht süchtig. Im September stellt Reinhild Kuhn in Berlin ihr neues Chanson-Programm vor.

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